Willkommen auf der homepage von Isabella Schön.
Ich habe mittlerweile etliche Monate im Rosebud und Pine Ridge Reservat in Süd Dakota verbracht und über ein Thema geschrieben, das mir sehr am Herzen liegt. Es wäre prima, wenn sich viele Lakota-interessierte Leser für die folgenden Seiten finden würden.
 

"You can't gain..."

Beobachtungen zur Situation der Lakota-Indianer

Indianer -  Seit es Medien gibt, wurde vieles über sie in Form von Bildern, Büchern und Filmen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Einiges ist authentisch, vieles geht jedoch zugunsten des Unterhaltungseffektes völlig an der Wirklichkeit vorbei. Seit die Esoterikwelle die Ureinwohner Amerikas für sich entdeckt hat, wird in Dutzenden von Büchern die Stammesreligion der Lakota-Indianer ausgeschlachtet. Dem ahnungslosen Leser werden aus dem Zusammenhang gerissene und daher leicht verdauliche Häppchen des komplexen spirituellen Gedankengutes der Lakota präsentiert, nach dessen Konsum er sich dann bestens über dieses Thema informiert glaubt. Diese Art von Büchern nützt meiner Ansicht nach keinem, außer denen, die daran verdienen.

Hier ist ein Foto von halbverfallenen (aber noch bewohnten!) Häusern im ReservatWer sich, gerüstet durch die Unterhaltungsmedien, auf die Suche nach mutigen Kriegern, Wunder vollbringenden Medizinleuten und weisen Alten in eines der Lakota-Reservate in Süd Dakota begibt, glaubt wahrscheinlich "im falschen Film" gelandet zu sein. Denn was er dort vorfindet, ist die Dritte Welt - mitten in den USA. Ich kann hier verständlicherweise nicht alle geschichtlichen und politischen Hintergründe aufzeigen, die dazu geführt haben; zu diesem Thema gibt es ausreichend Literatur.

So, wie es sich mir darstellt, bedeutet Reservats-Alltag heute: Armut, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Krankheiten. Schaut man sich die Statistik der häufigsten Todesursachen an, dann stehen (hinter Gefäß- und Herzkrankheiten sowie Krebs) Unfälle an vierter Stelle: ca. 14 % der indianischen Bevölkerung stirbt daran; im Vergleich dazu nur ca. 6 % der anderen US-Bürger. Hierbei handelt es sich bei mehr als der Hälfte um (alkoholbedingte) Fahrzeugunfälle. Überdurchschnittlich hoch sind ebenfalls die Todesfälle aufgrund von Leberleiden, Diabetes mellitus und Tuberkulose. Neben Alkohol steht auch chronische Fehlernährung auf der Liste der Krankheitsverursacher. Wenn man einmal beobachtet     hat, wie eine indianische Familie versucht mit wenig Geld ausreichend Lebensmittel einzukaufen, weiß man warum. Wer jeden cent umdrehen muß, kann beim Aussuchen der Nahrung nicht wählerisch sein. Meistens gibt es sehr viele Mäuler zu stopfen und da zählt Quantität vor Qualität.

Seit der Reform des Wohlfahrtgesetzes durch die US-Regierung im Jahr 1997, hat sich die Situation für viele indianische Familien noch verschärft. Die Sozialhilfe wurde drastisch gekürzt, um die Empfänger zur Arbeit zu zwingen. Aber wo soll man arbeiten in einer Region, in der es so gut wie keine Arbeitsmöglichkeiten gibt? Auf die wenigen Stellen, die Indianern zugänglich sind, kommen jede Menge Bewerber und die Bezahlung ist schlecht. Viele versuchen daher, sich mit dem Verkauf von kunsthandwerklichen Gegenständen an Touristen über Wasser zu halten. Oder sie nehmen gefährliche jobs an, die kaum einer machen will, z. B. bei der Bekämpfung von Waldbränden.

Die Esoterikwelle hat jedoch eine neue Einnahmequelle beschert: den spirituellen Tourismus. Jeden Sommer strömen tausende von nicht-indianischen Besuchern nach Süd Dakota. Dann fließt Geld ins Reservat, denn diese Leute müssen ja essen, trinken, tanken und übernachten. Auch der Verkauf von Kunsthandwerk hat dann Hochsaison. Sie kommen    alle zu einem bestimmten Zweck, nämlich um sich religiöse Zeremonien anzusehen oder  an ihnen teilzunehmen. Um jedoch zum Beispiel einen Sonnentanz ausrichten zu können, wird viel Geld benötigt. Die meisten Sonnentanzleiter sind nicht in der Lage, eine entsprechend große Summe aufzubringen; auch dieses Geld bringen die nicht-indianischen Besucher mit. Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden. Es hat zu allen Zeiten Menschen aus anderen Kulturkreisen gegeben, die sich in der indianischen Kultur und Religion zu Hause fühlten und auch an den Zeremonien teilgenommen haben. Das Problem liegt vielmehr in der Konsum-Mentalität, die sehr viele nicht-indianische Besucher an den Tag legen, unter dem Motto: "Wenn ich bezahle, habe ich auch zu bestimmen!" Ich habe viele von ihnen (zu viele) beobachtet, wie sie sich einfach über die bestehenden Regeln hinwegsetzen und die Zeremonien dazu benutzen, ihren spirituellen Egotrip durchzuziehen. 

Es ist offensichtlich, daß die indianischen Sonnentanzleiter und Medizinleute über diese Entwicklung zwar nicht glücklich sind, aber auch keinen Ausweg wissen; schließlich wird das Geld, das die nicht-indianischen Besucher bringen, dringend benötigt... Also macht man zähneknirschend gute Mine zu bösem Spiel. Es wundert mich nicht, daß viele Traditionalisten sich mittlerweile sehr drastisch dafür aussprechen, allen nicht-Indianern grundsätzlich die Teilnahme an religiösen Zeremonien zu verbieten. Das kann und sollte aber nicht der Weisheit letzter Schluß sein, sondern es muß vielmehr ein Umdenken bei den nicht-indianischen Besuchern stattfinden. Deshalb hier mein Appell an alle, die einen Aufenthalt im Reservat planen:

Hier befindet sich ein Foto, das eine Schwitzhütte im Reservat zeigt.Aber auch diejenigen, die sich zu Hause mit indianischer Spiritualität befassen, sollten nie vergessen, daß eine Stammesreligion strenggenommen Eigentum des jeweiligen Stammes ist. Man erwirbt sich nicht gleichzeitig mit dem Kauf eines entsprechenden Buches das Recht, diese auch zu praktizieren. So kann einem zum Beispiel die Erlaubnis sowie das Wissen und Können das notwendig ist, um eine Schwitzhütte im traditionellen Lakota-Stil zu leiten, nur von authentischen Medizinleuten oder Leitern von Zeremonien übertragen werden. So etwas kann man nicht aus Büchern lernen oder es sich in einem Wochenendkurs bei sogenannten "Plastik-Schamanen" kaufen!

Und wer es sich im Winter mit einem Buch über das spirituelle Gedankengut der Lakota- Indianer an der warmen Heizung bequem macht, sollte im Hinterstübchen behalten, daß vielleicht gerade in diesem Augenblick irgendwo in Süd Dakota jemand in seinem Haus erfriert, weil er eingeschneit ist und nicht genügend Geld für ausreichendes Brennmaterial hatte! Das mag sich dramatisch anhören, entspricht aber leider der Wahrheit.

Egal wie gut oder schlecht unser persönlicher Lebensstandard in Deutschland sein mag, unsere Lebensbedingungen sind auf alle Fälle ungleich besser, als in einem der Lakota-Reservate. Ich meine, wer sich mit der Lakota-Stammesreligion beschäftigt, sollte sich auch mit den Lakota-Indianern und ihren Lebensbedingungen beschäftigen. Und er sollte bereit sein, im Rahmen seiner Möglichkeiten materielle Unterstützung zu gewähren. Nicht etwa um irgend etwas käuflich zu erwerben, sondern aufgrund einer ethischen und humanitären Verpflichtung. Einer der spirituellen Leitsätze der Lakota lautet nämlich: "Wir sind alle miteinander verwandt"...

In diesem Sinne:
MITAKUYE OYASIN
 

Isabella Schön 1998


 
This page is also available in English: 

Wer den Lakota helfen möchte, sollte das
Dakota Youth Project
unterstützen. Denn die Zukunft einer Nation sind ihre Kinder.

 
Letzte Aktualisierung: 8.11.2003/ Erstellungsdatum: 18.10.1998


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